{"id":210,"date":"2008-08-29T11:08:53","date_gmt":"2008-08-29T10:08:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.meckerossi.de\/blog\/?p=210"},"modified":"2008-09-12T16:01:29","modified_gmt":"2008-09-12T15:01:29","slug":"schlechter-journalismus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.meckerossi.de\/blog\/?p=210","title":{"rendered":"Schlechter Journalismus"},"content":{"rendered":"<p>Manchmal frage ich mich, warum ich bei der Menge an Pamphleten bei SPON \u00fcberhaupt noch bei SPON lese. Nun ja, die Antwort muss wohl lauten: SPON ist aktuell, international und multimedial. Neben den vielen grottenschlechten Artikeln findet man hin und wieder ja auch tats\u00e4chlich ein paar gute Artikel, auf die ich neben den schlechten in meinem Blog manchmal auch verweise.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/gesellschaft\/0,1518,575104,00.html\" target=\"_blank\">Ein Musterbeispiel schlechten Journalismusses<\/a> stammt nun von Reinhard Mohr. Er verfasste eine Kritik zur Sendung von Maybrit Illner. Von einem studierten Soziologen k\u00f6nnte man dabei durchaus besseres verlangen, aber man sollte halt auch nicht zu viel erwarten.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Durch seine einleitenden Abs\u00e4tze f\u00fchle ich mich indirekt angesprochen, weshalb ich die kritikw\u00fcrdigen Stellen dieses Textes nun genauer auff\u00fchren m\u00f6chte. Es wird ohne Beleg behauptet, gepoltert und polemisiert was das Zeug h\u00e4lt. F\u00fcr eine Glosse mag das ja notwendig sein. Das Problem ist nur, dass eine Glosse auch eine Pointe haben sollte&#8230;<\/p>\n<p><em><span style=\"color: #808080;\">\u201ePosttotalit\u00e4rer Blitz und Donner<\/span><\/em><\/p>\n<p><em><span style=\"color: #808080;\">Von Reinhard Mohr<\/span><\/em><\/p>\n<p><em><span style=\"color: #808080;\">Droht ein Kalter Krieg, fragte gestern Maybrit Illner in die Runde, die mit russischen und deutschen Betonk\u00f6pfen besetzt war. Aber nicht nur: Am Ende siegte politische Umsicht &#8211; den Gr\u00fcnen sei Dank!<\/span><\/em><\/p>\n<p><em><span style=\"color: #808080;\">Das irritierende Ph\u00e4nomen war schon w\u00e4hrend der Olympischen Spiele zu beobachten: Diktaturen \u00fcben eine gro\u00dfe Faszination aus &#8211; auch in der westlichen Welt; nicht zuletzt bei jenen Intellektuellen, die Humanismus und Aufkl\u00e4rung mit der Muttermilch aufgesogen haben.<\/span><\/em><\/p>\n<p>Stopp! Sp\u00e4testens hier muss der geneigte Leser zum ersten Mal stocken. Mohr wirft mit zwei bedeutungsschwangeren Begriffen um sich \u201eHumanismus und Aufkl\u00e4rung&#8220; und koppelt sie mit der ironischen Bemerkung \u201emit der Muttermilch aufgesogen&#8220;.<br \/>\nVon welchen Personen spricht er aber eigentlich? Gibt es sie \u00fcberhaupt die \u201eIntellektuellen, die Humanismus und Aufkl\u00e4rung mit der Muttermilch aufgesogen haben&#8220;? Eine Antwort bleibt er schuldig.<\/p>\n<p><span style=\"color: #808080;\"><em>W\u00e4hrend man zu Hause jede vorbeugende Datenspeicherung als Vorboten eines digitalen Faschismus brandmarkt, sieht man in China auch \u00fcber brutalste Menschenrechtsverletzungen hinweg.<br \/>\n<\/em><em>Dabei bedient sich der China-Versteher eines beliebten Tricks, der den moralischen Relativismus politisch-historisch zu begr\u00fcnden vorgibt: Erstens m\u00fcsse man China so viel Zeit geben wie dem europ\u00e4ischen Abendland, also mindestens noch 300 Jahre. Und zweitens sei der Westen ja auch kaum besser. Schon gar nicht Amerika, der wahre Hort des B\u00f6sen. Obama hin, Obama her.&#8220;<\/em><\/span><\/p>\n<p>Warum ist das ein Trick?<br \/>\nWer sagt, dass es noch 300 Jahre dauern soll?<br \/>\nWer sagt, dass Amerika ein Hort des B\u00f6sen ist?<br \/>\nDie Humanisten und aufgekl\u00e4rten Intellektuellen etwa?! Ohne jeden Beleg werden einer Gruppe von Menschen hier irgendwelche Aussagen untergeschoben. Frechheit!<\/p>\n<p><em><span style=\"color: #808080;\">Nach der offen v\u00f6lkerrechtswidrigen Aggression Russlands gegen Georgien wiederholt sich das Ph\u00e4nomen: In unz\u00e4hligen Leserbriefen, in Talkshows und Zeitungsartikeln wird dem neuen, skrupellosen Gro\u00dfmachtstreben Moskaus ganz unverh\u00fcllt Beifall gezollt oder wenigstens Verst\u00e4ndnis entgegengebracht.<\/span><\/em><\/p>\n<p>Also ich &#8211; ein Intellektueller, der mit den Idealen von Humanismus und Aufkl\u00e4rung erzogen wurde &#8211; zolle weder Moskau noch Tiflis Beifall. Stattdessen liegt es mir daran zu zeigen, dass der georgische Pr\u00e4sident kein unschuldiges L\u00e4mmchen ist. Nein, ich finde sogar sehr viele Parallelen zum iranischen Pr\u00e4sidenten. Beide wurden demokratisch gew\u00e4hlt und lieben mediale Auftritte. Nur wird der eine vom Westen hofiert und der andere verteufelt.<\/p>\n<p><em><span style=\"color: #808080;\">Laut Umfragen gilt einer Mehrheit der B\u00fcrger im Zweifel Amerika gef\u00e4hrlicher als Russland.<\/span><\/em><\/p>\n<p>Welche Umfragen?<\/p>\n<p><em><span style=\"color: #808080;\">Selbst im Feuilleton der b\u00fcrgerlich-konservativen &#8222;Frankfurter Allgemeinen Zeitung&#8220; (&#8222;FAZ&#8220;) wandte sich j\u00fcngst ein Redakteur gegen die angeblich vorherrschende reflexhafte &#8222;Russophobie&#8220; und mutma\u00dfte dunkel \u00fcber verborgene Interessen Amerikas und Israels.<\/span><\/em><\/p>\n<p>Sch\u00f6n w\u00e4re es, wenn man auch diesen Feuilleton, auf den sich der Autor bezieht, belegt h\u00e4tte, damit man sich eine eigene Meinung dar\u00fcber bilden kann. Derart kann ich mich nur wundern, dass Mohr die Aussagen \u00fcber die \u201ereflexhafte \u201aRussophobie'&#8220; anzweifelt, ohne bisher selbst je einen Beleg f\u00fcr seine Behauptungen geliefert zu haben. Die anderen m\u00fcssen also belegen, er selbst ist dar\u00fcber aber erhaben?<\/p>\n<p><em><span style=\"color: #808080;\">Am Donnerstag legte ein Kollege nach &#8211; kein &#8222;imperialistischer Wille&#8220; leite Putin und Medwedew, sondern allein die Absicht, &#8222;f\u00fcr Sicherheit zu sorgen&#8220;. Originalton &#8222;FAZ&#8220;: &#8222;Wenn Russland wieder Einfluss gewinnt in ehemaligen Sowjetrepubliken und unter seinen Nachbarn, dann ist das ein Zeichen der Normalisierung.&#8220;<\/span><\/em><\/p>\n<p>Wo ist der Beleg? Gelten die Regeln f\u00fcr ordentlich Zitate bei SPON etwa nicht?<\/p>\n<p><span style=\"color: #808080;\"><em>In Tallinn, Prag, Warschau und Budapest, um nur ein paar europ\u00e4ische Hauptst\u00e4dte zu nennen, die ein wenig praktische Erfahrung haben mit &#8222;Normalisierung&#8220; \u00e0 la russe, sieht man das anders. Inzwischen auch in Oslo, Stockholm, Kopenhagen, Paris, Rom und Berlin.<br \/>\n<\/em><em>&#8222;Moskaus Muskelspiele &#8211; droht ein neuer Kalter Krieg?&#8220; &#8211; so lautete der Titel der ersten Talkshow von Maybrit Illner nach der Sommerpause, und man merkte allen Beteiligten, die teils frisch gebr\u00e4unt von Europas Urlaubsk\u00fcsten zur\u00fcckzukehren schienen, die Verwunderung an. Wie, was, wo? Kalter Krieg in Europa?<br \/>\n<\/em><em>Um es vorwegzunehmen: Er wurde abgesagt, obwohl sich Peter Scholl-Latour gewohnt eisenhaltig ins Zeug legte und abermals den lodernden Weltenbrand beschwor: &#8222;Zentralasien!&#8220;, das sei der wahre Konfliktherd, nicht das bisschen Kaukasus-Kabale.<\/em><\/span><\/p>\n<p>Sorry, aber wer ist Scholl-Latour?<\/p>\n<p><em><span style=\"color: #808080;\">Der einzige, der einen Eishauch Kalten Kriegs (f\u00fcr die J\u00fcngeren: bis zum Fall der Berliner Mauer im November 1989)<\/span><\/em><\/p>\n<p>Wie r\u00fchrend der Autor an die J\u00fcngeren denkt. Ja, die Jugend von heute ist ziemlich ungebildet, da ist es schon besser, wenn man ihnen erkl\u00e4rt bis wann der Kalte Krieg ging.<\/p>\n<p><span style=\"color: #808080;\"><em>im Berliner ZDF-Studio Unter den Linden verstr\u00f6mte, war Igor Maximytschew, Politologe, Diplomat, einst Gesandter der sowjetischen Botschaft in der DDR.<br \/>\nW<\/em><em>ie eine Reinkarnation des hochfahrend beleidigten Sowjetmenschen polterte er gegen den Westen, gegen EU und Nato, verteidigte Putin und Medwedew und warnte schon mal die Ukraine vor einem Angriff auf Russland.<br \/>\n<\/em><em>&#8222;Wir stehen mit dem R\u00fccken zur Wand&#8220;, sagte er in unfreiwilliger psychologischer Selbstoffenbarung. Seit Michail Gorbatschows unseligem Wirken, das zum Zerfall des Sowjetreichs gef\u00fchrt hatte, sei Russland auf dem &#8211; wir verstehen: schmachvollen &#8211; R\u00fcckzug.<br \/>\n<\/em><em>Doch statt einer Belohnung durch den Westen werde man immer noch wie ein &#8222;Auss\u00e4tziger&#8220; behandelt. Genau hier wurde sie manifest, die gro\u00dfe Kr\u00e4nkung des einst roten Riesenreiches, der tief sitzende Minderwertigkeitskomplex &#8211; das eigentliche Motiv der kaukasischen Racheaktion.<\/em><\/span><\/p>\n<p>Mohr wandelt auf den Spuren von Erich Fromm und versucht sich als Sozialpsychologe. Danke f\u00fcr diesen Einblick in die russische Psyche!<br \/>\nIch werde mich weiterhin an Fromm halten.<\/p>\n<p><span style=\"color: #808080;\"><em>Die Antwort der deutschen Gespr\u00e4chsteilnehmer war von fast therapeutischer Natur und zeigte nebenbei, dass politische Freiheit doch dem klaren Denken n\u00fctzt. Sie benannten die Lage, ohne sie rhetorisch unn\u00f6tig zu versch\u00e4rfen.<br \/>\n<\/em><em>Dabei ergab sich eine symptomatische Arbeitsteilung: Marie-Luise Beck von den Gr\u00fcnen beharrte dankenswert offen auf Demokratie und Menschenrechten und erinnerte an Tschetschenien. Ex-Verteidigungsminister Volker R\u00fche gab den Pragmatiker.<br \/>\n<\/em><em>Und Klaus Mangold, Vorsitzender des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft, warb f\u00fcr die zivilisierende Wirkung des globalen Kapitalismus: &#8222;Reden Sie mal mit einem russischen Unternehmer. Der ist abh\u00e4ngig vom deutschen Maschinenbau!&#8220;<br \/>\n<\/em><em>Der aus Tiflis zugeschaltete georgische Pr\u00e4sident Michail Saakaschwili nutzte die Gelegenheit und kritisierte ausf\u00fchrlich den &#8222;lange geplanten&#8220; Angriff Moskaus wie die Vertreibung Hunderttausender Georgier aus Abchasien und S\u00fcdossetien.<br \/>\n<\/em><em>Maybrit Illner gelang es nur mit letztem Einsatz, ihn zu unterbrechen und eine neue Frage zu stellen. Prompt gab Saakaschwili zur\u00fcck: &#8222;Das ist eine falsche Frage&#8220;, aber nur, um zum n\u00e4chsten Monolog anzusetzen.<\/em><\/span><\/p>\n<p>Sp\u00fcre ich hier etwa einen Hauch von Kritik an Saakaschwilis medialem Auftreten?<\/p>\n<p><span style=\"color: #808080;\"><em>Keinesfalls d\u00fcrfe es nun zur Anerkennung vollendeter Tatsachen kommen, &#8222;zur Kapitulation vor dem B\u00f6sen&#8220;. Zwar sei die Moskauer F\u00fchrung &#8222;arrogant und irrational&#8220;, doch f\u00fcr einen neuen Kalten Krieg habe sie &#8222;gar nicht die Ressourcen&#8220;.<br \/>\n<\/em><em>Scholl-Latour hielt dagegen:<\/em><\/span><\/p>\n<p>Dank der beschreibenden Worte des Autors wei\u00df ich jetzt wer Igor Maximytschew, Volker R\u00fche, Marieluise Beck und Klaus Mangold sind und bis wann der Kalte Krieg ging. Aber wer ist denn nun dieser Scholl-Latour?<\/p>\n<p><em><span style=\"color: #808080;\">&#8222;Doch, wir sind ja schon im Kalten Krieg.&#8220; Er k\u00f6nnte sogar &#8222;brisanter werden als der letzte&#8220;, denn die Nato sei &#8222;zu einem Kriegsinstrument gegen Russland geworden&#8220;. Da brandet Beifall auf im Studio. Ein klassischer Scholl-Latour, der seine antiamerikanischen Ressentiments inzwischen selbst beim Namen nennt, freilich nur, um sie anschlie\u00dfend zu bestreiten.<\/span><\/em><\/p>\n<p>Sch\u00f6n, dass Herr Mohr den Herrn Scholl-Latour so gut kennt&#8230;<\/p>\n<p><span style=\"color: #808080;\"><em>Igor Maximytschew sekundierte: Nicht Russland, sondern Amerika betreibe Muskelspiele, siehe Osterweiterung der Nato und Raketenschild in Polen.<br \/>\n<\/em><em>Da wurde es Marieluise Beck zu bunt: &#8222;Hatten die Polen etwa nicht das Recht, in die Nato einzutreten? Oder gibt es nur ein Recht auf Imperium?&#8220;, unterbrach sie ihn und zog sich sogleich eine schwere R\u00fcge des Russen zu. Doch diese Art posttotalit\u00e4rer Blitz und Donner hat etwas Anachronistisches, und wenn es auch nur eine Talkshow war, so spiegelte sie doch die augenblickliche Isolation Russlands eindrucksvoll wider.<br \/>\n<\/em><em>Genau das wei\u00df nat\u00fcrlich Volker R\u00fche, und so hie\u00df sein beruhigendes Mantra: sich ein eigenes Bild machen, die Wahrheit herausfinden und, statt Russland zu bestrafen, lieber Georgien helfen. Kurz: Positiv denken. Motto: Attraktivit\u00e4t ist besser als Abschreckung. Und: &#8222;Es gibt keine Einkreisung Russlands durch die Nato.&#8220;<br \/>\n<\/em><em>Dies sei eine neue Nato, die Freiheit und Stabilit\u00e4t schaffe. Das freilich wollte Igor Maximytschew ganz und gar nicht glauben. Auf Maybrit Illners Frage, wer ihm als k\u00fcnftiger Pr\u00e4sident der Vereinigten Staaten von Amerika denn lieber sei, John McCain oder Barack Obama, antwortete er in altsowjetisch-Chruschtschow&#8217;scher Klarheit: &#8222;Schwierige Frage. Beide sind schlecht.&#8220;<\/em><\/span><em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Dieses Ende ist f\u00fcr mich keine Pointe die einer Glosse w\u00fcrdig w\u00e4re.<\/p>\n<p>Ich glaube Mohr kann durchaus bessere Kritiken schreiben. Aber eine gute Kritik braucht manchmal mehr als 30 Minuten auf dem abendlichen oder morgendlichen Toilettengang.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal frage ich mich, warum ich bei der Menge an Pamphleten bei SPON \u00fcberhaupt noch bei SPON lese. Nun ja, die Antwort muss wohl lauten: SPON ist aktuell, international und multimedial. 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