{"id":455,"date":"2009-12-14T21:55:24","date_gmt":"2009-12-14T20:55:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.meckerossi.de\/blog\/?p=455"},"modified":"2010-05-30T12:50:05","modified_gmt":"2010-05-30T11:50:05","slug":"reprasentativitat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.meckerossi.de\/blog\/?p=455","title":{"rendered":"Repr\u00e4sentativit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Die Diskussion zum Volksentscheid zum Minarettverbot in der Schweiz l\u00e4sst mir keine Ruhe (s. <a href=\"http:\/\/www.meckerossi.de\/blog\/?p=441\" target=\"_self\">hier<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.meckerossi.de\/blog\/?p=450\" target=\"_self\">hier<\/a>). Es ist schlie\u00dflich in vielerlei Hinsicht ein interessantes Thema, da es viele Nebenschaupl\u00e4tze aufmacht: Islamphobie, Sinn und Gefahr von direkter Demokratie, Religionsfreiheit, Offenheit der Schweiz, V\u00f6lkerrecht und empirische Sozialforschung.<\/p>\n<p>Das letztgenannte interessiert mich jetzt besonders, denn die Umfragen zu potentiellen Abstimmverhalten der deutschen Bev\u00f6lkerung werden immer mehr (s. <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article5431133\/Deutsche-mehrheitlich-gegen-Minarett-Verbot.html\" target=\"_blank\">welt.de<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/2009-12\/minarett-berlin\" target=\"_blank\">zeit.de<\/a>). Und immer wieder wird erw\u00e4hnt, dass die vorhergehenden Umfragen in der Schweiz ein Meinungsbild zeichneten, welches im Endeffekt nicht dem Abstimmungsergebnis entsprach &#8211; und das obwohl sie repr\u00e4sentativ gewesen sein sollen.<!--more--><\/p>\n<p>Was aber bedeutet das: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Repr%C3%A4sentativit%C3%A4t\" target=\"_blank\">Repr\u00e4sentativit\u00e4t<\/a>? &#8211; Wenn das Ergebnis einer Studie repr\u00e4sentativ sein soll, dann hei\u00dft das schlicht: das Ergebnis soll f\u00fcr die Grundgesamtheit sprechen. Im Fall des Schweizer Minarettverbots besteht diese Grundgesamtheit aus allen Abstimmunsgberechtigten. Das bedeutet, man k\u00f6nne davon ausgehen, dass die Abstimmenden in etwa so abstimmen wie die Studie vorhersagt.<\/p>\n<p>Wie kann es aber sein, dass in den Umfragen laut <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/0,1518,654909,00.html\" target=\"_blank\">spiegel.de<\/a> von 51% Verbotsgegnern gesprochen wurde, wenn es tats\u00e4chlich nur 43% gegen\u00fcber 57% Verbotsbef\u00fcrwortern (s. <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/politik\/europa\/artikel\/1\/schweizer-stimmen-fuer-minarett-verbot\/\" target=\"_blank\">taz.de<\/a>) waren? Selbst die Unentschlossenen, die es sich nach der Befragung noch anders \u00fcberlegten, konnten das Ruder nicht derart drastisch herumgerissen haben.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich k\u00f6nnte es sein, dass die Umfragen nicht repr\u00e4sentativ waren. Denn wenn 100.000 Menschen befragt werden, hat man n\u00e4mlich noch keine Repr\u00e4sentativit\u00e4t erreicht, wenn die Befragten z. B. alle Rentner sind. Eine Umfrage unter 1.000 Menschen k\u00f6nnte da viel aussagekr\u00e4ftiger sein, wenn sichergestellt ist, dass sich die Befragten ebenso zusammensetzen wie die Grundgesamtheit (Alter, Geschlecht, Bildungsstand, Religion etc.)<\/p>\n<p>Auch wenn es vielleicht irrsinnig klingt, so ist es auch denkbar, dass die Abstimmenden nicht repr\u00e4sentativ f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung sind. Als es noch kein Frauenwahlrecht gab, war das z. B. stets der Fall. Auch jetzt ist das noch so, denn man muss ein bestimmtes Alter haben, um abstimmen zu d\u00fcrfen. Gut, da war jetzt ein kleiner Trick in meiner Argumentation, denn ich habe mal eben die Grundgesamtheiten gewechselt: von\u00a0 Abstimmungsberechtigten bin ich zur Bev\u00f6lkerung \u00fcbergegangen. Wie dem auch sei, auch die Abstimmenden k\u00f6nnen nicht repr\u00e4sentativ f\u00fcr die Abstimmungsberechtigten sein, z. B. wenn der Anteil der Rentner\/Arbeitslosen\/Schwiegereltern\/Hochschullehrer bei der Abstimmung gr\u00f6\u00dfer ist als ihr tats\u00e4chlicher Anteil bei den Abstimmungsberechtigten. Da die Wahl geheim ist, findet man die Zusammensetzung der Abstimmenden jedoch nicht wirklich heraus.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich gibt es aber auch noch einen weiteren Grund, warum die Umfrageergebnisse nicht gestimmt haben: nicht alle Befragten haben ehrlich geantwortet.\u00a0 Eines der st\u00e4rksten Ursachen f\u00fcr solch unehrliches Verhalten bezeichnet man als Einfluss der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Soziale_Erw%C3%BCnschtheit\" target=\"_blank\">sozialen Erw\u00fcnschtheit<\/a>. Ein Befragter antwortete bei der Minarettfrage demnach eher mit einem &#8222;Nein&#8220; zum Minarettverbot, weil er\/sie meint, diese Antwort w\u00fcrde gesellschaftlich eher akzeptiert sein und ein &#8222;Ja&#8220; w\u00fcrde zu sozialer Ablehnung f\u00fchren. Erst die Anonymit\u00e4t in der Wahlkabine gab diesen Menschen die Sicherheit ihre wahre Meinung ohne Angst auf Repression abzugeben.<br \/>\nUnd das muss man sich jetzt mal auf der Zunge zergehen lassen: diese Menschen hatten Angst bei der Umfrage die Wahrheit zu sagen. Wenn das tats\u00e4chlich zu derartigen Verzerrungen gef\u00fchrt haben soll, dann stellen sich sogleich eine Reihe neuer Fragen:<\/p>\n<p>Hatten sie Angst, sie w\u00fcrden von Moslems bedroht, wenn sie sich als Verbotsbef\u00fcrworter outen?<br \/>\nHatten sie Angst, sie w\u00fcrden von anderen Verbotsgegnern bedroht werden?<br \/>\nOder hatten Sie vielleicht einfach nur so ein Bauchgef\u00fchl, das ihnen sagte, solch ein Verbot ist falsch\/unsittlich?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Diskussion zum Volksentscheid zum Minarettverbot in der Schweiz l\u00e4sst mir keine Ruhe (s. hier und hier). Es ist schlie\u00dflich in vielerlei Hinsicht ein interessantes Thema, da es viele Nebenschaupl\u00e4tze aufmacht: Islamphobie, Sinn und Gefahr von direkter Demokratie, Religionsfreiheit, Offenheit der Schweiz, V\u00f6lkerrecht und empirische Sozialforschung. 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