Wikipedia lahm gelegt?

Ein Bundestagsabgeordneter der Partei Die Linke erwirkte mit einer einstweiligen Verfügung, dass die Domain www.wikipedia.de vorrübergehend nicht auf die Inhalte der Wikipedia weiterleiten darf. Grund für diese Sperre ist eine anhaltende Auseinandersetzung mit einem Artikel über eben diesen Politiker, Lutz Heilmann, in dem wiederholt unwahre Behauptungen über seine Person aufgetreten sein sollen.

Während verschiedene Medien noch relativ neutral über diesen Sachverhalt berichten (s. SPON oder Zoomer) so findet man in den Weiten der Bloggerwelt unzählige Einträge, die sich weit unterhalb vom BILD-Niveau bewegen. Dort wird wenig nachgedacht und es zeigt sich bei vielen mal wieder ein eklatanter Mangel an Differenzierungsvermögen, wenn es um den politischen Gegner geht. Dort ist Person = Partei, SED = Die Linke, Stasimitarbeiter = alles Verbrecher, Wikipedia = alles toll und Meinungsfreiheit = Freiheit jeden Mist erzählen zu dürfen…

Aber zum Glück findet man noch gebildete und unvoreingenommene Kommentatoren, so etwa SoWi bei Zoomer:

“die Grundgesetze, die u. A. Meinungsfreiheit (Art. 5 GG) und Pressefreiheit ermöglichen, sind teilweise bestimmten Schranken unterworfen, z. B. darf die persönliche Ehre einer Person nicht verletzt werden – was die “persönliche Ehre” tangiert und was nicht entscheiden die Juristen, nicht der Laie.

Außerdem sind durch Art. 5 GG (Meinungsfreiheit) nicht alle möglichen Aussagen geschützt. Unwahre, Persönlichkeit verletzende Publikationen sind bsp. NICHT geschützt. D. h. auch als Person der Öffentlichkeit muss dieser Politiker NICHT mit jedem Mist leben, der über ihn geschrieben wird.

Im übrigen ist es ziemlich unfair so zu tun, als habe dieser POlitiker, nur weil er vielleicht eine Stasi-Vergangenheit hat, vorsätzlich versucht wikipedia als Organ der Pressefreiheit anzugreifen. Das ist lediglich eine Spekulation, aufgrund der oben dargestellten Argumente ist sein Verhalten absolut legitim, ich würde es genauso machen wenn irgend jemand Mist über mich für alle sichtbar veröffentlichen würde. […]”

Es zeigt sich nämlich ein ganz anderes Problem durch den Fall der einstweiligen Verfügung:

Nicht nur die Nutzer der Wikipedia sondern auch der Rechtsstaat haben keine Ahnung wie die Wikipedia funktioniert:

Ich persönlich hätte von der Sperre z.B. überhaupt nichts mitbekommen, hätte ich nicht bei SPON davon gelesen. Denn alle Inhalte sind nach wie vor unter de.wikipedia.org zu erreichen. Der normale Internetnutzer gibt aber scheinbar immer noch brav www.wikipedia.de in die Adresszeile seines Browser um eine Recherche bei Wikipedia zu starten. Im Browser integrierte Suchmöglichkeiten, die direkt auf die de.wikipedia.org zugreifen, wie es selbst IE bietet, scheinen ihm fremd.

Aber auch auf die einstweilige Verfügung trifft diese Kritik zu, denn eigentlich ist sie vollkommen wirkungslos. Sie wirkt wirklich nur, weil es so viele Nutzer gibt, die es auch nicht besser wissen, wie man Wikipedia nutzen kann. Und hier wird auch deutlich worauf sich dieser rechtsstaatliche Mechanismus ursprünglich bezieht: auf den Buchhandel. Da macht es nämlich durchaus Sinn, wenn man mittels einstweiliger Verfügung den Verkauf eines Buches vorrübergehend stoppen kann, bis ein Gericht über die Rechtmäßigkeit des strittigen Inhalts entschieden hat. Bei einem Informationsangebot wie Wikipedia ist der Sinn jedoch fraglich…

Es ist als wenn man den Haupteingang der Bildzeitungsredaktion verbarrikadiert, weil in der BILD mal wieder ein unwahrer Artikel erschien, so dass deren Mitarbeiter nur noch durch den Hintereingang hinein können, was sie aber eigentlich eh immer machen…

Nachtrag: Es gibt zum Glück auch Blogger, die nicht auf den Populismuszug aufspringen und differenziert und tiefgehend analysieren. Insbesondere auf die weiterführenden Gedanken hinsichtlich Demokratie und Wikipedia bei datenschutzbeauftragter-online sei hingewiesen. Dank an Weißschnet für den Hinweis.

3 thoughts on “Wikipedia lahm gelegt?”

  1. Schön gesprochen 😉 Vor allem den Vergleich mit der Bild-Redaktion fand ich gut. Zumal dort ja jeden Tag einstweilige Verfügungen wegen unwahrer Behauptungen erlassen werden könnten. Nur weiß das wohl keine der betroffenen Personen…

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